Lesproben


Beerentöter

Die Geschichte von »Beerentöter« ist noch sehr jung. Sie begann im Jahr 2009.
Damals bestand die Absicht, das archaische Element der Beerenjagd mit dem floralen Charakter der Moosbeere zu verbinden. Aus diesem Grund wurde die Schrift des Etiketts in Anlehnung an Charles Rennie Mackintosh entworfen.
Das Archaische der Beerenjagd kommt auf der Sammelkarte zum Ausdruck. Das Messer versucht mit Gewalt, die Haut der Beere zu durchdringen. Kraft ist auch notwendig, wenn man die Beere besiegen will, denn die Haut ist hart. Die Moosbeere gehört zu den wenigen Beeren, die nicht gärt. Es scheint, als ob es keinen Zucker in ihr gibt. Der Vitamin-C-Gehalt ist extrem hoch. Letzteres macht sie auch so gesund.
Für das Jahr 2010 wurde für die Gestaltung des Etikettes und der Sammelkarte die an den Jugendstil erinnernde Schrift beibehalten. Auf der Sammelkarte ist das Haus zu sehen, mit dem alle Milchprodukte, die aus Tarnogsky Gorodok, Oblast Wologda, Russland, stammen, beworben werden. Interessant ist dabei auf den Verpackungen der Milchprodukte der Schriftzug »Umniza«. Er bedeutet »Die Clevere«, »Die Gescheite«. Insoweit erinnert er an die Märkische Hausfrau. (...)


Der Flügelschlag des Raben

Dr. Peter Sniper ist kein Mann der großen oder vielen Worte.
Er ist Bärenjäger. Erste Kenntnisse über die Bärenjagd hat er aus den Lederstrumpferzählungen von James Fenimore Cooper wie »Der Wildtöter« (1841) sowie Liselotte Welskopf-Heinrich »Die Söhne der großen Bärin« – einem Teil der Indianer-Roman-Hexologie – entnehmen können.
Dr. Peter Sniper war nie ein großer Freund von Karl May. Stattdessen liebte er Jack London, der selbst erlebt hatte, was er schrieb. Russland. Oblast Wologda. Tarnogsky Gorodok.
Drei Bayern gehen mit Dr. Peter Sniper auf Bärenjagd. Die Septembersonne scheint. Der Himmel leuchtet hellblau. Totale Stille. In mehr als 100 Metern Entfernung beginnt der Laubwald. Raben kreisen um Birken, bevor sie sich dort hinsetzen. Das Faszinierende an diese Situation besteht darin, dass man die Flügelschläge der Raben ganz deutlich hört.
Es ist ein gleichmäßiges Geräusch. Jeder der drei Bayern erhält einen russischen Jagdführer. Dr. Peter Sniper begleitet die Gruppe von Sepp. Der ist Mitglied eines bayerischen Jagdvereins. Zur Jagd sitzt er entweder auf dem Hochstand oder läuft durch die Berge, um aus großer Entfernung kleine Gämsen zu schießen. Diese muss er – als richtiger Jäger – natürlich auch selbst ins Tal tragen. Dafür ist festes Schuhwerk unerlässlich. Beim Sitzen auf dem Hochstand schützt es vor Kälte. (…)


Rezension

Von Einem der auszog Bären zu töten

Die Kunst des Rezensierens besteht mehr oder weniger darin, Stärken und Schwächen eines Werkes zu benennen, um so, den Inhalt andeutend, potenzielle Leser neugierig werden zu lassen, sie zu interessieren. Davon soll im Folgenden abgewichen werden. Bei der Tiefenanalyse – und um nichts anderes geht es hier – der Broschüre Beerentöter von Dr. Stefan Haupt, alias Dr. Peter Sniper, sollen Lesehilfe und Interpretation einer großen Idee miteinander verschmelzen, um so der Leitvision von der „Märkischen Hausfrau“ © in der Moderne zu folgen.
Eine traditionelle Rezension würde wohl so beginnen: Die Gliederung ist übersichtlich, die Gestaltung bunt. Vom Beerentöter (Kapitel 1) über den Flügelschlag des Raben (Kapitel 2) bis zu den Anzeigen (Schluss) erfährt der Leser alles über den Herstellungsprozess des gleichnamigen alkoholischen Getränks (Beerentöter) als auch etwas über die wohl geglückte Jagt auf einen Bären in den Wäldern Russlands. Die Hintergründe der Gestaltung von Etiketten und Mixturen sind ebenso enthalten wie die bebilderten Ergebnisse einer Jagt sowie ein überflüssiger – weil durch den Autor der Rezension nicht zu teilender - Hinweis auf die Ablehnung von Karl May [1] . Das ist interessant, spielerisch geschrieben, gut zu lesen und bisweilen auch spannend, aber nicht das Anliegen des Autors.
Das Martialische des Covers ist der erste Hinweis auf die Ausrichtung des gesamten Werkes: weitab von den verwaschenen, sich neu etablierenden Konventionen zwischenmenschlicher Doktrinen wird ein Zeichen der Ablehnung gesetzt. Hier wird der Beere – Symbol für eine vegetarische und alles in allem weichgespülte Lebensphilosophie – der Dolch in die Eingeweide gestoßen. Haupt selbst bezeichnet diesen Vorgang als archaisch (S.6). Der Wunsch, sein Leben zu beherrschen, ihm Richtung und Sinn zu stiften bedarf dieses Aktes der rohen Gewalt. Eine Handlung der Befreiung von den sinnentleerten Formeln der Geschlechterdebatte. Es beginnt eine Reise auf der Suche nach dem Platz des Mannes in einer globalisierten Welt, da die Räume sich verengen und die Zeit nur als ein flüchtiger Hauch uns umweht, um die alltäglichen Lebensärgernissen und Lebenskatastrophen zu bewältigen.
Die Weiten Russlands erscheinen als letztes Rückzugsgebiet des Mannes auf der Suche nach seiner Identität - das ist eine bittere aber ehrliche Feststellung, bitter wie der Geschmack der Moosbeere und ehrlich wie die Wirkung des Wodkas.
Hinter allem steht, lauert, in fast schon als erotisch zu beschreibender Lust, die märkische Hausfrau, die lächelnd beobachtet, belustigt analysiert. Geschickt versteht es Haupt, sie, die Märkische Hausfrau, stilsicher zu platzieren, wohl wissend, dass das Objekt einer Leitvision längst schon selbstständig geworden die Moderne erobert.
Die Märkische Hausfrau ist noch Beobachterin des Prozesses, sie tritt nicht aktiv in Erscheinung, doch sie weist und weitet den Weg. Erstmalig auf Seite 6 findet sie Erwähnung auf den Etiketten der Beerentöteredition. „Von der Märkischen Hausfrau empfohlen“ eröffnet sie dem Mann den Weg zu einem alkoholischen Getränk. Nicht O-saft (frisch gepresst) oder Latte Macchiato, nicht Aperol spritz oder Gurkensaft; Wodka wird hier empfohlen.
Die identitätsstiftende Kraft der Märkische Hausfrau, die versteckt im Wald sich räkelt (S.11) und durch ihre verschleierte Präsenz den Leser zum verweilen und nachdenken zwingt, vollzieht in dieser Broschüre ihre eigene Emanzipation: Von der Marke zur Leitidee, von Lilith zu - nennen wir sie – Nadja. Die märkische Hausfrau ist heimisch in den Wäldern Russlands, bewaffnet (S. 36) oder unbewaffnet (S. 33) und präsent auf den Etiketten der Konsumartikel unserer Gesellschaft. Sie weist beiden Geschlechtern Wege aus der schier unüberwindlichen Konfliktträchtigkeit einer komplexen Welt. So ist diese Broschüre, wenn auch wohl nicht beabsichtigt, in letzer Weitung als ein erster Ansatz für einen Leitfaden zur Emanzipation der modernen Frau (Märkischen Hausfrau) zu verstehen.
Die Polarität und der zu Teilen unversöhnliche Antagonismus männlicher und weiblicher Lebensbestimmung beherrscht anschaulich die gesamte Broschüre. Beispielhaft hierfür sind die von Julia Herfurth gerade für die 2012er Edition entworfenen Etiketten (S.12 f.). Die leichte Hand der Graphikerin hat mit wenigen Strichen die Moosbeere als natürliches Wunderwerk meisterhaft in Szene gesetzt. Demgegenüber die Bildpräsentation auf den Seiten 36 bis 41: Stolz werden hier die Ergebnisse der Büchsenmeisterkunst und die blutigen Resultate der Treffsicherheit der Jäger präsentiert. Deutlicher geht es nicht zu sagen. Nur die Märkische Hausfrau überwindet diese Polarität und vermag es, die Kraft aus diesem Widerspruch zu ziehen.
Doch diese Broschüre ist mehr als eine latente Reminiszenz an die Märkische Hausfrau. Sie ist auch Zeitzeugin der suchenden Wanderung eines Mannes.
Der Autor selbst beschreibt und beschreitet in dieser autobiographischen Momentaufnahme den mählichen Weg vom Bärentöter zum Beerensammler, von Dr. Haupt zu Dr. Sniper und wieder zurück. Gerade noch in den Weiten Russlands – Aug in Aug mit der Bestie, gemeinsam mit den Helden großer Reiche – und schon zurück am heimischen Herd, Beeren waschend und durch die „Flotte Lotte“ pressend. Nur kurz ist der Moment der Flucht und Freiheit und schon ereilt ihn das gegenwärtige Schicksal seiner diesseitigen Existenz.

Knuth Thiel, Februar 2013

1 Kein anderer als Karl May vermag die Sehnsüchte und Vision von (schlichten) Männern plastischer zu formulieren als der Altmeister des genialen Kitschwesterns. Auch hier: Die homoerotische Beziehung zweier Helden als letzte Alternative zum Geschlechterdilemma.

BEERENTÖTER
Dr. Stefan Haupt & Dr. Peter Sniper
Brandenburger Tor Verlag 2013
41 S.

Gestaltung, Produktion:
Berlin Media Kommunikations GmbH,
Stefan Liefländer
Titel unter Verwendung eines Motivs
von Julia Herfurth

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